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Auch alte Wunden können heilen
Wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir uns davon lösen können.
Dami Charf, kösel Verlag, 2018

Dami Charf ist Begründerin der körper- und bindungsorientierte Therapiemethode „Somatische Emotionale Integration®“ und als erfahrene Trauma-Therapeutin hilft sie Betroffenen, neue Möglichkeiten zu erkennen um innere Stabilität und Freiheit zu erfahren. Nach einem Studium der Sozialpädagogik hat sie Ausbildungen u.a. in Transformativer Körperpsychotherapie, Somatic Experiencing, Bodynamic und Sensorymotoric Psychotherapy absolviert. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, arbeitet als Traumatherapeutin in Göttingen und bietet eine eigene Ausbildung an.

Der Text auf der Rückseite erklärt: „Dieses Buch ist für alle, die das Gefühl haben, so, wie sie sind, nicht »richtig« zu sein. Es ist für die, die an unerklärlichen Schuldgefühlen leiden oder dem Gefühl, nicht wirklich im Leben zu stehen; für die, die sich einsam und abgeschnitten fühlen.“

Im ersten Teil des Buches erklärt sie mit viel Hintergrundwissen, dass Ursachen dieser Leiden fast immer mit Kindheitserfahrungen zusammenhängen und unser Körper lange vor der Seele und dem Geist auf eine überwältigende Erfahrung reagiert. Außerdem stellt sie klar, dass es nicht nur Schock-induzierte Traumata gibt, sondern auch Entwicklungstraumata. Wenn wir diese verstehen und in unsere Biographie integrieren können, ist auch Heilung möglich. Der Themenbereich ist extrem spannend, da unser bewusstes Wissen erst meist mit unserer Sprachfähigkeit gegeben ist – das Körperwissen aber schon seit unserem Beginn. So sind auch viele Verhaltensweisen geprägt von unseren allerfrühesten Erfahrungen während der Schwangerschaft und der Geburt – und dass es nicht egal ist, wie wir auf dieser Welt empfangen werden. Sofort beginnt man selber natürlich zu grübeln, wie das bei den eigenen Kindern war und welche Dinge man vielleicht verabsäumt hat zu tun oder sogar „falsch“ gemacht hat. Die Kapitel über Schwangerschaft und Geburt sind sehr spannend, aber mir etwas zu kurz.

All die Erfahrungen, die wir mit Selbstregulation und Bindungsmuster von Beginn gemacht haben, prägen uns und unsere Verhaltensweisen. Gefallen hat mir der Satz: „Wir kommen mit einem Bindungsreflex auf die Welt und tun alles, um unsere Bindung zu unseren Bezugspersonen zu erhalten, oft auch auf Kosten der eigenen Bedürfnisse.“

Sehr ausführlich beschreibt Dami Charf die vier Bindungsmuster nach Mary Ainsworth und ihre Auswirkung auf spätere Liebesbeziehungen. Schön ist, dass sie auch immer die positiven Seiten der „negativen“, schwierigen Persönlichkeitsmuster aufzeigt.

Einen Hauptteil des ersten Teiles nehmen die fünf Lernaufgaben ein, die Menschen in den ersten sechs Jahren bewältigen müssen – und die Folgen, was passiert, wenn es dabei Mängel oder Schwierigkeiten gibt: „Sicherheit & Willkommensein“ (Geburt), „Bedürfnisse und Sattwerden“ (0-2 Jahre), „Hilfe annehmen können“ (bis 4 Jahre), „Selbstständigkeit und Verbundenheit“ (1,5 – 4 Jahre) sowie „Liebe und Sexualität“ (3-6 Jahre) sind quasi auch ein bisschen „Ratgeber“, was man nicht vernachlässigen darf – oder eben auch Anzeichen dafür, was damals vernachlässigt oder „falsch“ gemacht wurde.

Den zweiten Teil des Buches stellt Dami Charf dem Thema Heilung in den Mittelpunkt – worauf man die eigene Aufmerksamkeit richten soll, um wirkliche Veränderung im Leben zu erzielen. Das wichtigste sei aber, (wieder) im eigenen Körper daheim zu sein. Mit vielen Informationen über den Aufbau des Gehirns und die Gehirnentwicklung erklärt sie Zusammenhänge, warum wir manchmal „unlogisch“ funktionieren. Einzelne Kapitel behandeln noch Emotionen, Resilienz, Scham, Instinkte, Sicherheit und Grenzen. Das Kapitel „Gesunde Grenzen“ ist für alle, die mit Kindern arbeiten, ein sehr spannendes – so wusste ich nicht, dass Kinder ein Gefühl für die Grenzen anderer Menschen erst mit dem 8. bis 10. Lebensjahr entwickeln! Das letzte Kapitel ist der Bewerbung ihrer eigenen Therapieform, der Körpertherapie, gewidmet.

Sehr strukturiert geht sie in diesem Buch vor, dazwischen immer wieder mit „Merksätzchen“. Es kommt mir wie ein Lehrbuch vor – auch mit vielen Spezialausdrücken – aber leider fast keinen Fallbeispielen, die das Geschriebene illustrieren und leichter merkbar machen. Es ist ein Buch, dass man mehrmals lesen muss und nur in Häppchen verdauen kann, auch nichts für ein „nebenbei am Sofa“ lesen. Wer sich einen „Selbsthilferatgeber“ mit „To-do-Listen“ erwartet (nach dem Untertitel des Buches) wird leider enttäuscht sein.

ep


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matrix@nanaya.at
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